Fortgesetzter Diebstahl
Diebstahlsicherung Ein Interview am 15.12.2021 mit Bianconiglio und Zelldieb
- Bianconiglio:
- Dein Nickname „Zelldieb“ schreckt ein wenig ab, macht aber auch neugierig. Wie bist du dazu gekommen?
- Zelldieb:
- Lach, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber im ernst. In Vorträgen werde ich oft gefragt, was bei Parkinson im Gehirn vorgeht. Und ich sage dann meistens: „Einfach ausgedrückt, mir werden Zellen geklaut. Und stelle ich mir einen Dieb vor, der meine Zellen stiehlt und dachte dabei an den Dieb im rosaroten Panther, der mich manchmal zum Schmunzeln bringt. So mach ich mir die Erkrankung nicht zum Freund, aber auch nicht zum Feind. Außerdem hatte den Begriff „Zelldieb“ noch niemand vor mir benutzt.
- Bianconiglio:
- Dein Sweat-Shirt hat einen interessanten Aufdruck!
- Zelldieb:
- Ich habe das Logo zum Zelldieb selbst entworfen und benutze es vor allem für meine Vorträge. Es zeigt meine Nickelbrille und meine News Boy Mütze aus den 20er-Jahren.
- Bianconiglio:
- Eine Internet-Suchmaschine mit deinem richtigen Namen gefüttert, zeigt, dass du dich in zahlreichen ehrenamtlichen Funktionen engagiert hast und immer noch regelmäßig Vorträge hältst. Wie bist du dazu gekommen?
- Zelldieb:
- Nachdem man mir 2011 Parkinson diagnostiziert hatte, durchlief ich eine zweijährige Findungsphase. Auf der Suche nach Informationen fand ich im Internet für Parkinson die Bezeichnung „Krankheit der Älteren“. Ich bin Jahrgang 1970. In 2013 gründeten zwei weitere Jungerkrankte und ich eine Selbsthilfegruppe. Wir waren damals nicht nur wild, sondern traten auch provokant auf. Es gelang uns mit diesem Auftreten, andere Jungerkrankte auch in weiteren Gruppen zu stärken und zu motivieren. Ich dachte, dass man etwas unternehmen und etwas bewegen müsse und es bereitete mir Freude, mich für andere einzusetzen. Also habe ich an Schulen gefragt, ob ich ehrenamtlich über Parkinson vortragen dürfe. Während der ersten Vorträge merkte ich, dass mir die Leute zuhören, vermutlich weil ich als Erkrankter authentisch wirkte. Ich finde es wichtig, dass Patienten eine Stimme gegeben wird. Ich trete dabei immer neutral und ohne Vereinsbindung zu nennen, auf.
- Bianconiglio:
- Du hast viele Jahre durchgehalten, wie schaut es aktuell aus?
- Zelldieb:
- Ich nehme diese ehrenamtlichen Aufgaben nicht mehr wahr. Mit dem Fortschreiten der Krankheit wurde es immer schwieriger. Ich war zum Beispiel auch Behinderten-beauftragter in der Kreis- und Europastadt Saarlouis, eine sehr belastende Aufgabe, die vollen Einsatz fordert. Ich halte weiterhin Vorträge an Schulen, wie auch heute morgen wieder und ich biete Informationen auf meiner Homepage zelldieb.com Auf der Basis eigener, positiver Erfahrung helfe ich vor allem mit Informationen zum Thema „Focussierter Utraschall“.
- Bianconiglio:
- Und beruflich?
- Zelldieb:
- Ich war Linienbusfahrer für die Deutsche Bahn. Nebensymptome wie Angst und Panikstörungen führten zu einer EU-Verrentung.
- Bianconiglio:
- Das lässt dir zumindest Zeit für Hobbies, oder?
- Zelldieb:
- Ich habe eine Solex Baujahr 1970. Ich fahre diese Solex auch, aber ich poliere sie noch öfter. Bis zu CoVid-19 gingen wir dreimal pro Woche tanzen. Das ist eine gute Therapie gegen Parkinson. Die erforderliche Koordination und die nötigen Bewegungen in der Umgebung gesunder Menschen stellen einen vor Probleme, Grenzen werden aufgezeigt, man muss Lösungen finden, damit umzugehen, manchmal fließen auch Tränen.
- Bianconiglio:
- Und wie schaut es mit Sport aus?
- Zelldieb:
- Meine Frau und ich tanzen in einer Tanzschule. Tanzen stellt für mich gleichermaßen eine hervorragende Art dar, Kondition und Koordination zusammen zu trainieren. In der Tanzschule kann ich aufgrund der Erkrankung natürlich nicht mit den anderen Paaren mithalten. Ich lerne dabei aber meine persönlichen Grenzen kennen, die eine Erkrankung wie Parkinson nun einmal mit sich bringt und damit umzugehen. Ausserdem tun mir die sozialen Kontakte gut.
- Zelldieb:
- Außer Tanzen fahre ich auch noch Fahrrad, ich habe ein Retrobike. Noch habe ich keine Gleichgewichtsprobleme. Wenn es mit dem Gleichgewicht einmal nicht mehr so gut bestellt sein sollte, würde ich kein Hindernis sehen, mir ein Dreirad zu kaufen.
- Bianconiglio:
- Wie hat dein Umfeld auf deine Erkrankung reagiert?
- Zelldieb:
- Ich bin gleich sehr offen damit umgegangen. Parkinson versteckt zu halten würde viel Energie kosten, die man für die Erkrankung benötigt.
- Bianconiglio:
- Würdest du diese Offenheit auch anderen Neuerkrankten empfehlen?
- Zelldieb:
- Das ist eine ganz persönliche Entscheidung und ich habe so viele unterschiedliche Charaktere kennengelernt und ich gebe im Gegensatz zu früher keine Ratschläge mehr, ich gebe höchstens Tipps, wie ich es machen würde.
- Bianconiglio:
- Was nervt dich an deinem Parkinson am meisten?
- Zelldieb:
- Es ist die Summe der Symptome.
- Bianconiglio:
- Du bist bei PAoL Mitglied weil …
- Zelldieb:
- PAoL macht einen guten Job, die Atmosphäre im Forum ist angenehm, der Verein wird gut geführt, ich finde, dass man das unterstützen sollte.
- Bianconiglio:
- Und dein Motto für die Zukunft lautet …
- Zelldieb:
- Ich denke nicht an das, was ich früher konnte, sondern an das was ich jetzt noch kann – und das ist eine ganze Menge.
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